Interview mit Reiner Calmund (Manager)
Reiner Calmund: „Wir haben Respekt vor Holstein Kiel!“
Reiner Calmund, DAS Aushängeschild von Bayer 04 Leverkusen, stellte sich unserem 12-jährigen Juniorreporter Henrik Heitmann im Vorfeld des heutigen Pokalspiels zum Interview.
Herr Calmund, Glückwunsch zum guten Start in die neue Bundesligasaison. Sind Sie zur Zeit mit Ihrer Mannschaft grundsätzlich zufrieden?
Wenn man wie wir jetzt mit 3 Siegen in 3 Spielen optimal startet, kann man natürlich zunächst zufrieden sein. Man darf das aber auch nicht überbewerten. Ich sag immer, schön die Bleischuhe anbehalten und mit beiden Beinen an der Erde bleiben. Auch wenn man ganz oben in der Tabelle steht, ist nicht alles Gold, was glänzt. Es gibt noch Probleme, aber der Trainer und sein Team arbeiten sehr intensiv daran, diese abzustellen.
Was muss im Laufe der Saison bei Bayer 04 noch besser werden?
Ich will die Jungs nicht allzu schlecht machen, aber es gibt viele Dinge, die wir verbessern müssen: Individuelle Leistung einzelner Spieler, kompakteres Spielen, Optimierung des Spielsystems. Insgesamt gibt es soviel zu verbessern, wenn ich sie alle aufzählen würde, wäre dein Tonband gleich voll. Außerdem will ich sie auch gar nicht alle nennen, denn wüsstet ihr in Kiel ja, wo wir Schwächen haben.
Sind Sie mit ihren Zugängen zufrieden? Was sagen sie zu ihrem Kader?
Wir haben in dieser Saison kaum nennenswerte Zugänge gehabt. Vielmehr haben wir in erster Linie 14 Spieler abgegeben. Das hängt damit zusammen, das wir weniger Fernseheinnahmen haben. Nachdem wir in den letzten 6 Jahren 5 mal in der Champions League und einmal im UEFA- Cup waren, haben wir in diesem Jahr auch keine Einnahmen aus einem internationalen Wettbewerb. Die Gelder fehlen uns. Wir haben aber eine Mannschaft, die mit Nationalspielern gespickt und dadurch auch teuer ist. Wir konnten viele Spieler auch verkaufen, weil wir nicht mehr so viele brauchen, da wir nicht international spielen.
Wir freuen uns, dass Franca, der im letzten Jahr aufgrund seiner Leistungen schon von dem einen oder anderen als Fehleinkauf abgestempelt worden ist, in dieser Saison schon häufig angedeutet hat, was er für Qualitäten hat. Er ist auf einem guten Weg. Mehr und mehr werden unsere verletzten Spieler wieder einsetzbar sind. Unser langzeitverletzten Kapitän Jens Nowotny wird in den nächsten Wochen voraussichtlich auch wieder spielen können. Auch unser türkische Nationalspieler Yildiray Bastürk, der zur Zeit nach eine Hepatitis auskuriert, wird in absehbarer Zeit wieder dabei sein. Erfreulich ist auch, dass unsere jungen Spieler wie Babic, Bierofka und Balitsch, die wir versuchen aufzubauen, nicht nur zum engeren Kader gehören, sondern bereits Stammspieler geworden sind.
In der letzten Saison hatte die Mannschaft 3 verschiedene Trainer. Werden Sie in dieser Saison am Trainerkarussell wieder so drehen, wenn es nicht Laufen sollte?
Am Trainerkarussell zu drehen ist immer schlecht: Zum einen kostet es sehr viel Geld, zum anderen hat man dann nicht den sportlichen Erfolg. Wir haben jetzt mit Klaus Augenthaler einen sehr guten Trainer, der die Mannschaft gut im Griff hat. Er ist kurz, knapp, aber klar. Er hat als Fußballer mit Bayern München und mit der Nationalmannschaft fast alles erreicht und weiß, was er zu tun hat. Wir können mit Klaus Augenthaler und seinem Trainerteam durchaus auch mal eine Durchstrecke überstehen.
Warum war Leverkusen aus Ihrer Sicht in der letzten Saison so schlecht?
Das hat viele Gründe: wir konnten die Abgänge von Ze Roberto und Michael Ballack nicht kompensieren. Noch gravierender war, dass uns Juan und Lucio, die Weltklasse sind und bei uns und in der brasilianischen Nationalmannschaft die Innenverteidigung bilden, zunächst nicht zur Verfügung standen. Hinzu kommt, dass mit unserem Langzeitverletzten Jens Nowotny ein weiterer Spieler mit internationaler Klasse fehlte. Zeitweise hatten wir 10 wichtige Spieler verletzt. Außerdem hatten viele Nationalspieler 70 bis 80 Spiele im Jahr und waren deshalb physisch, mental und körperlich platt.
In dieser Saison sind wir einfach mit anderen Voraussetzungen gestartet.
Auch Jörg Butt hat eine schlechte Saison gespielt, jetzt will er wieder in die Nationalmannschaft. Meinen Sie, dass er es schafft?
An den beiden ersten Positionen von Oliver Kahn und Jens Lehmann gibt es nichts zu deuteln. Aber mit Butt, Rost (Schalke 04) und Wiese (1.FC Kaiserslautern) gibt es sehr gute Torhüter, die Nummer 3 in Deutschland sein können.Die Tages- und Saisonform wird hier entscheidend sein.
Welchen Platz wird Leverkusen am Ende der laufenden Saison belegen?
Wir haben vor der Saison gesagt, dass wir den Mund nicht so voll nehmen wollen, denn wir sind ja gerade dem Abstieg entgangen. Wir kalkulieren mit einem einstelligen Tabellenplatz. Das beinhaltet auch Platz 9, aber mit dem fußballerischen Potential, das unsere zahlreichen Nationalspielern haben, müsste mit etwas Glück und nicht allzu vielen Verletzungen eine internationale Platzierung möglich sein.
Und nun zum Spiel: Bayer 04 Leverkusen spielt in der 1. Hauptrunde des DFB- Pokals in Kiel. Waren Sie schon mal in Kiel?
Ja, ich kenne Kiel sehr gut, auch das Stadion. Im letzten Jahr haben dort ja unsere Amateure noch gespielt.
Wie gehen Sie in das Spiel?
Wir sind gewarnt, denn wir wissen, dass Holstein Kiel im letzten Jahr in der 1. Hauptrunde des DFB- Pokals Hertha BSC Berlin nach Elfmeterschießen herausgeworfen hat. Das weiß jeder Spieler, das wir das Spiel 100%ig ernst nehmen müssen. Wir hatten im letzten Jahr im Pokal auch zwei Regionalligisten gehabt, in der ersten Runde Rot- Weiß Essen, wo wir nur 1:0 gewannen, und in der zweiten Runde Unterhaching, das wir erst im Elfmeterschießen bezwingen konnten. In der Regionalliga wird schon ordentlich Fußball gespielt. Kiel hat nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Und mit dem Heimvorteil und der Begeisterung- es wird für uns schon eine schwierige Kiste.
Was können sie über die Holstein- Mannschaft sagen?
Wie andere Drittligisten hat die Mannschaft einige ehemalige Bundesligaspieler, die eine gewisse Erfahrung haben. Nicht nur für die jungen Spieler, sondern auch für die ehemaligen Profis ist so ein Pokalspiel noch einmal ein Highlight. Mit dem Publikum im Rücken werden die Kieler alles geben.
Wie tippen Sie das Pokalspiel?
Wir gewinnen 3:1.
Wieweit wird Leverkusen im Pokal kommen?
Für das Image des Vereins ist ein möglichst weites Vordringen im Pokal sehr von großer Bedeutung. Natürlich wollen wir gerne wieder nach Berlin. Das Losglück spielt aber eine große Rolle. Wenn man z.B. hintereinander bei Bayern München, Borussia Dortmund und Schalke 04 spielen müsste, dann wird es sicherlich schwierig, ins Endspiel zu kommen.
Nun ein paar persönliche Fragen: Was Essen und Trinken Sie am liebsten?
Ich esse gut und gerne, sonst wäre ich ja nicht so dick, z.B. italienisch, japanisch, bürgerlich, bayrisch. Alkohol trinke ich nicht so viel.
Was mögen Sie überhaupt nicht Essen bzw. Trinken?
(lachend) Da müsste ich lange überlegen!
Mit wem wären Sie am liebsten 2 Stunden allein im Fahrstuhl eingesperrt?
Natürlich mit meiner Lebensgefährtin!!
Haben Sie Kinder?
Ich habe 5 Kinder und bin schon dreimal Opa.
Haben sie genug Zeit für sie?
Nein, ich habe zuwenig Zeit. Wenn wir Zeit haben, z.B. im Urlaub, kümmere ich mich sehr intensiv um sie. Aber insgesamt ist mein Job mit einer 7 Tagewoche und 12 bis 15 Arbeitsstunden am Tag kein „Wunschprogramm “ für eine Familie.
Spielen Ihre Kinder auch Fußball?
Ja, Hobbyfußball bei kleineren Vereinen. Mein Kleinster Sohn spielt beim VfL Leverkusen, einem Nachbarverein. Ich halte es für besser, das er in einem anderen Verein spielt.
Sie haben eine junge, hübsche Lebensgefährtin. Was meinen Sie, was mögen die Frauen an Ihnen?
Ja gut, den Wettbewerb als „Mister Germany“ würde ich nicht gewinnen. Aber ich glaube, dass ich eine gewisse Ausstrahlung habe. Ich bin schon ein bisschen interessant, kann mich mit Frauen auch nett unterhalten. Frauen fühlen sich bei mir ganz wohl und geborgen.
Wie sieht Ihre Zukunft aus?
Ich habe bei Bayer 04 noch Vertrag bis 2006. Später will ich dem Fußball weiter verwachsen sein. Ich möchte den Verein weiter beraten und unterstützen, mich um die Nachwuchsarbeit kümmern. Der Fußball hat mir soviel gegeben, da will ich ihm auch etwas zurückzahlen.
Danke für das Interview. Alles Gute und ein schönes Spiel in Kiel.
Bitte, gern geschehen. Tschö Jong!
Veröffentlicht: Stadionmagazin des Regionalligisten Holstein Kiel, 30. August 2003