Interview mit Rüdiger Nehberg (Überlebenskünstler)
Am Mittwoch gastierte der bekannte Aktivist und Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg im Lütjenburger Soldatenheim „Uns Huus“. Eingeladen hatte die Stadt Lütjenburg in Zusammenarbeit mit der EAS (Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung in der Bundesrepublik Deutschland e.V.). Im mit rund 200 Besuchern gut gefüllten Saal begeisterte „Sir Vival“ Nehberg (offizieller Spitzname!) in einer 90- minütigen Dia - Reportage „Querschnitt durch ein aufregendes Leben“ seine Gäste.
Juniorreporter Henrik Heitmann hatte die Gelegenheit, am Rande der Veranstaltung ein Gespräch mit Rüdiger Nehberg zu führen.
Von Henrik Heitmann
Herr Nehberg, welches Ziel verfolgen Sie mit Ihren Dia- Reportagen?
Ich möchte noch mehr Leute für mein Thema „Menschenrechte“ interessieren, insbesondere für mein aktuelles Projekt „ weibliche Genitalverstümmelung“. Dabei erhoffe ich mir, weitere Förderer für die Projekte zu finden. Außerdem verdiene ich mein Geld damit!
Wie kommt ein gelernter selbstständiger Konditor wie Sie darauf, alles hinter sich zu lassen und Aktivist für Menschenrechte zu werden?
Der Beruf hat mich nicht richtig befriedigt. Ich habe schon sehr früh gerne Reisen unternommen. Zunächst waren sie von reiner Abenteuerlust geprägt. Einen ernsten Hintergrund erhielten sie erstmalig, als ich zufällig in Brasilien Augenzeuge eines Völkermordes an dem letzten frei lebenden Indianerstamm, den Yanomami, wurde. Es war zur damaligen Zeit weltweit nicht bekannt, was dort im Regenwald ablief. Ich fing an, mich dafür mehr und mehr zu engagieren. Dabei merkte ich, dass man als Einzelner tatsächlich etwas bewirken kann. Ich habe dann meinen Beruf immer mehr vernachlässigt und schließlich im Jahre 1990 alles verkauft.
Welche Ihrer Touren war am gefährlichsten?
Unsere beiden gefährlichsten Touren waren in Äthiopien: Am Blauen Nil wurden wir mehrfach beschossen, mein Freund wurde neben mir getroffen und starb. Wir mussten tagelang fliehen, haben dann später aber zusammen mit dem Militär die Täter ergriffen. Bei unserer Reise durch die Wüste Danakil, die wir 4 Monate zu Fuß durchquerten, wurden wir ebenfalls mehrfach überfallen und gerieten sogar in Gefangenschaft.
Haben Sie manchmal Angst bei Ihren Aktionen?
Ja! Man hat in einigen Extremsituationen keine Kontrolle mehr über den eigenen Körper – man macht dann auch schon mal in die Hose, das geht fix!
Sie gelten als Überlebenskünstler. So haben Sie 1981 ohne Nahrung und ohne besondere Ausrüstung einen 1000 Kilometer- Marsch durch Deutschland gemacht. Warum?
Ich wollte wissen, wie lange ich ohne Lebensmittel „funktioniere“. Auf dem Marsch habe in erster Linie von meiner Körpersubstanz gelebt und dabei jeden Tag ein Pfund abgenommen! Ich war damals 40 Jahre alt und sah aus wie 240, völlig geschrumpft, nur noch welk! Es war mein erstes Training für den Marsch zu den Indianern, denn ich wollte dort kein Gepäck dabei haben, um schnell zu sein, schneller als das Militär, das Fremde davon abhalten wollte, zu den Indianern zu gelangen, damit sie nicht Augenzeuge des Völkermordes werden.
Durch welche Aktion haben Sie am meisten erreicht?
Am meisten habe ich mit der Aktion erreicht, als ich mich – zusammen mit einem Kameramann - als Goldsucher verdingt habe, die damals die Yanomami- Indianer ausrotteten. Mit versteckter Kamera wurde ein Film gedreht, der zur besten Sendezeit im Fernsehen gezeigt wurde. Greenpeace verteilte ihn in die ganze Welt, u.a. zur Weltbank und zur UNO. Dadurch wurde das Bewusstsein dafür geschärft, was dort im Urwald passierte, und hat letztlich bewirkt, dass die Yanomami jetzt in Frieden leben können. Ferner freue ich mich über den Erfolg, dass Muslime nach langer Diskussion und großer Überzeugungsarbeit die Genitalverstümmelung zur Sünde erklärt haben. Dieser Tag war einer der genialsten in meinem Leben!
Gibt es Menschen, die sich um Sie Sorgen machen, wenn Sie Ihre Aktionen machen?
Ja, meine Partnerin Annette Weber. Aber sie kennt mich und macht sich keine so großen Gedanken, wenn sie ´mal einige Wochen nichts von mir hört. Sie war schon selber mit auf Tour und weiß es, wie es dort zugeht. Im Urwald gibt es nun ´mal keinen Briefkasten!
War es eine Umstellung für Sie, ohne Kleidung im Urwald herumzuirren?
Nein, das war kein Problem für mich. Gewöhnungsbedürftig ist jedoch immer, ungewohnte Nahrung zu sich zu nehmen oder sogar gar kein Essen zu haben.
Nach einer Tour weiß ich, die Zivilisation besonders zu schätzen: die Sauberkeit, das fließende Wasser und die knackige Brötchen, aber auch die Sicherheit und Ordnung.
Auf welche 4 Dinge können Sie bei Ihren Expeditionen nicht verzichten?
Auf ein Messer, Wasser, einen Angelharken und ein Feuerzeug.
Sie haben das Bundesverdienstkreuz für Ihr Projekt gegen die weibliche Genitalverstümmelung erhalten. Was bedeutet es Ihnen?
Es zeigt mir, dass mein Engagement auch von hohen Politikern zur Kenntnis genommen und für gut befunden wird. Die Ordensverleihung ist eine wichtige Unterstützung, um noch weitere Befürworter zu kriegen.
Sie charakterisieren sich selbst mit: Kein Sternzeichen, keine Kirche, keine Haare, kein Clip im Ohr.“ Alles Dinge, die Sie NICHT haben. Aber was zeichnet Sie Ihrer Meinung nach aus? Was sind Ihre Stärken?
Sturheit und Durchhaltevermögen. Misserfolge machen mich nicht depressiv, sondern kreativ!
Welche Sprachen beherrschen Sie?
Portugiesisch, Englisch und ein bisschen Arabisch. Ansonsten habe ich Dolmetscher dabei.
Mit 4 Jahren sind Sie ohne Vorankündigung und zum großen Entsetzen Ihrer Familie verschwunden und sind erst 2 Tage später von der Polizei gefunden worden.
Was war da los?
Ja, damals fing mein „Survival“ an! Ich wollte meine Oma in Bielefeld besuchen und habe mich verlaufen. Ich war totmüde, habe mich ins Gebüsch geschlagen, mit Zeitungen zugedeckt und war darunter nicht zu finden. Ich lernte daraus früh, dass man Reisen anders planen muss und dass Zeitungen gut wärmen!
Sie sind stolze 70 Jahre alt. Wie halten Sie sich fit?
Die Reisen, die Vorträge und das Schreiben halten mich geistig fit. Für die körperliche Fitness bin ich früher gerne gejoggt, geschwommen, Rad gefahren. Das kann ich heute wegen eines Knieschadens leider nicht mehr. Aber ich nutze heute noch Treppen anstatt Fahrstühle.
Wie wird Ihre nächste Aktion aussehen?
Es wird eine weniger spektakuläre Aktion sein: Wir planen eine Konferenz in Eritrea gegen Genitalverstümmelung.
Sie haben 23 Bücher geschrieben. Wie viele werden noch folgen?
Mein neuestes Buch „ Rüdiger Nehberg- Die Autobiographie“ ist gerade erschienen. Drei weitere Bücher sind in Planung. Wie viele Bücher es dann insgesamt noch werden, hängt davon ab, wie lange ich noch lebe!
Veröffentlicht: Tageszeitung Ostholsteiner Anzeiger, 8. Oktober 2005