KN Talk 2004: Neubarth: „ Man muss Geduld mit den Jungs haben!“

Die Kieler Nachrichten hatten am 4. August zu einer unterhaltsamen Talkrunde in die KN- Kundenhalle Vertreter der KSV Holstein zu einem „ 59 Minuten Gespräch“ eingeladen. Der Sportliche Leiter Daniel Jurgeleit, Trainer Frank Neubarth und Gesellschafter Dr. Hermann Langness hatten bei hochsommerlichen Temperaturen den Redakteuren der Zeitung und den anwesenden Zuschauern Fragen über Fragen zu beantworten.

Hier die wesentlichen Passagen des Gespräches:

Was ist für Sie das schöne am Fußball?
Dr. Langness: Das ist relativ einfach beantwortet. Wenn die eigene Mannschaft gut spielt, viele Tore schießt und gewinnt!

Neubarth: Letztendlich die Emotionen, die bei den Zuschauern und Spielern hervorgehoben werden. Und natürlich willst du als Trainer wie auch als Spieler Siege einfahren.

Wie geht man mit Niederlagen um?
Jurgeleit: Die erste Nacht schläft man nicht so gut. Man macht sich Gedanken über bestimmte Spielsituationen, über Fehler, vergebene Torchancen und denkt darüber nach, was in den nächsten Trainingseinheiten besser gemacht werden kann. Entscheidend ist, dass jeder Spieler aus Niederlagen seine Lehren zieht und versucht, es im nächsten Spiel besser zu machen.

Herr Neubarth, Sie haben 13 Jahre als Spieler mit Otto Rehagel bei Werder Bremen zusammen gearbeitet und zahlreiche Titel gewonnen. Hatte Rehagel denn ein Geheimrezept, dass Sie vielleicht sogar übernommen haben?
Neubarth: Otto Rehagel hat ein enges Verhältnis zu den Spielern aufgebaut, pflegte eine gute Ansprache an die Spieler und hat sich immer vor die Spieler gestellt, aber auch immer was von den Spielern verlangt. Fehler wurden besprochen, und zwar miteinander, nicht übereinander. Das hat er sehr gut gemacht. Das war so sein Geheimrezept, gar nicht unbedingt sein Training oder seine Taktik. Meine Mannschaft ist eine junge Truppe, vor die ich mich auch stelle. Ich kann das vertragen, wenn ich ein bisschen was abkriege. Wir werden nicht glatt durch die Liga marschieren, obwohl wir ein paar Spieler mit Erstliga- Erfahrung haben. Man muss Geduld mit den Jungs haben, die Mannschaft muss wachsen.

Herr Neubarth, erzählen Sie uns doch einmal etwas über den Menschen Frank Neubarth.
Neubarth: Nach außen bin ich der ruhige, verschlossene Norddeutsche. Aber wer mich kennt weiß, dass ich auch andere Züge habe. Ich gehöre nicht zu den Lautsprechern in der Trainergilde, ich kann aber klar und deutlich artikulieren, was ich will. Den Menschen Frank Neubarth können andere aber besser beurteilen.

Herr Neubarth, Ihre Vertragsunterzeichnung war relativ zeitig. Wann haben Sie angefangen, Ihren Kader zusammen zu stellen?
Neubarth: Daniel Jurgeleit und ich haben uns über die Spieler und potenzielle Neuzugänge unterhalten und besprochen, mit welchem System wir spielen wollen. Und danach haben wir Spieler gesucht. Letztendlich sind wir mit der Auswahl der Zusammenstellung sehr zufrieden.

Herr Jurgeleit, der Verein hat 13 neue Spieler verpflichtet, die zum Teil sehr jung sind. Wann war für Sie klar, dass so ein radikaler Schnitt getätigt werden muss?
Jurgeleit: Mir war schon zur Winterpause klar, dass wir etwas verändern müssen. Der Kader war zu alt. Auch galt es, die U 24 - Regelung zu berücksichtigen, wonach wir ab dieser Saison 6 Spieler haben müssen, die am 1. Juli unter 24 Jahre alt sind. Wichtig war uns, junge Spieler zu finden, die nicht nur auf der Bank sitzen, sondern die Qualität haben, auch im Stamm spielen zu können. Da man aber nicht allein mit den jungen Spielern in der Liga bestehen kann, war es auch klar, dass wir einige erfahrene Spieler brauchten, die die Qualität haben, die jungen Spieler zu führen und weiter zu entwickeln.

Gibt es eine klare Trennung zwischen der ersten und der zweiten Mannschaft?
Jurgeleit: Nein, es gibt keine Abgrenzung, sondern ein Durchfluss. Einige aus der zweiten waren in der Vorbereitung dabei und trainieren mit der ersten Mannschaft. Alle Spieler können sich in den Regionalligakader spielen.

Herr Neubarth, haben Sie in ihrem Vertrag eine Ausstiegsklausel?
Neubarth: Nein!

Warum haben Sie den Platz vergrößern lassen?
Neubarth: Ich bin davon überzeugt, dass wir eine technisch starke Mannschaft haben, die den Platz dann auch gut nutzen kann.

Herr Dr. Langness, wie lange wären die Gesellschafter bereit, das “Schiff” Holstein Kiel finanziell am Fahren zu halten, wenn sich kein oder nur minimaler Erfolg einstellt?
Dr. Langness: Seit 2001, als wir die Gesellschaft der Holstein Kiel Marketing GmbH & Co KG gegründet haben, hat die KSV mit der 1. und 2. Mannschaft sowie im Jugendbereich viel Erfolg. Wir sehen Jugendfußball auf höchstem Niveau. Das haben wir uns alle gemeinsam erarbeitet.
Neben unserem finanziellen Engagement bringen wir uns auch persönlich ein. Wenn man sich so stark einbringt, dann lässt man als Kieler die KSV nicht einfach fallen! Wir stehen zu diesem Fußballverein, der eine hohe soziale Funktion hat. Aber auch der wirtschaftliche Aspekt ist nicht zu unterschätzen. Holstein Kiel bietet 65 Arbeitsplätze und ist damit ein gestandenes mittelständisches Unternehmen. Fußball ist ein großer Marketing- Faktor für die Landeshauptstadt Kiel. THW Kiel, die Kieler Woche und Holstein Kiel „nageln“ die Stadt im Bewusstsein der Wirtschaft fest.

Kriegt Holstein noch einen richtigen “Knipser”?
Jurgeleit: Einen richtigen Knipser suchen viele Vereine, nicht nur in der Regionalliga. Wir hatten sicherlich einen mit Daniel Teixeira, aber wir haben jetzt auch gute Stürmer. Wir schauen uns um, wenn uns noch einer überzeugt, werden wir ihn holen. Im Moment ist es aber so, dass wir unsere Spieler haben.

Der Stadionumbau wurde voran getrieben. Sind weitere Ausbauten geplant?
Dr. Langness: Mit Gaststätte, Parkplätzen, Reha- Zentrum und Haupttribüne haben wir bereits viel geleistet. Wir können aus finanziellen Gründen aber nur Schritt für Schritt vorgehen. Ein weiterer Ausbau steht zur Zeit nicht auf der Tagesordnung.

Herr Dr. Langness, denken Sie schon an die 2. Bundesliga?
Dr. Langness: Es gibt drei Lehrjahre. Die haben wir hinter uns. Jetzt kommen die Gesellenjahre und dann wollen wir mal gucken, wann die Meisterjahre kommen!

Veröffentlicht: Stadionmagazin des Regionalligisten Holstein Kiel , 20. August 2004

© 2012 Philipp Szyza | Impressum